• Raumlineaturen – Grafik von Hans Uhlmann 1933–1960
  • 3. April – 19. Juni 2022
  • Die Ausstellung Raumlineaturen – Grafik von Hans Uhlmann 1933–1960 würdigt damit einen der prominentesten Künstler der Bundesrepublik nach 1945. Bekannt vor allem als Bildhauer, konzentriert sich die Ausstellung nun auf das grafische Werk. Die Ausstellung beschreibt Uhlmanns künstlerischen Werdegang ausgehend von den linearen Zeichnungen der 1930er-Jahre, über die semi-figurative Grafik der 1940er-Jahre bis hin zur geometrischen Abstraktion ab 1950. Anlass für diese Werkschau ist die Veröffentlichung der Gefängnistagebücher Uhlmanns, die intimes Zeugnis der quälenden Hafterfahrung ebenso sind wie zentrales Moment seiner künstlerischen Entwicklung.

    Im Oktober 1933 wurde Hans Uhlmann von der Gestapo verhaftet. Im berüchtigten Columbia-Haus wurde er über mehrere Wochen verhört und schließlich vor dem Kammergericht wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« verurteilt. Eineinhalb Jahre verbrachte er in Haft – zuerst in Moabit und dann im Strafgefängnis Tegel. Die Erfahrungen dieser Jahre hielt der Künstler in Tagebüchern fest. Parallel dazu entstanden drei Hefte mit Skizzen.

    In seinen Einträgen beschreibt Uhlmann seine Verhaftung ebenso wie Szenen aus dem Gefängnisalltag, vor allem aber auch künstlerische Anliegen und Vorhaben: »Ich denke oft an die Freiheit; an meine ersten Arbeiten; ich beschäftige mich hier damit, mir diese Figuren vorzustellen« (5. Mai 1934). Diese nicht umsetzen zu können, setzte dem Künstler zu: »Ich wünsche mir sehnlichst, unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten zu können. Wenn man als Bildhauer arbeiten möchte und es ist nicht möglich, dann ist es eine Qual« (12. August 1934). Umso hoffnungsvoller blickte er der Zeit nach seiner Entlassung entgegen. Eine zentrale Entwicklung von Uhlmanns Werk lässt sich in der Idee ausmachen, für die Anfertigung von Porträtplastiken Draht zu verwenden: »Ich stelle mir meine Zeichnungen vor, oft und ganze Nächte lang.– Ich muss auch mit Eisen arbeiten, Gesichter und Figuren aus Platten (auch aus Kupfer zum Beispiel), die verschiedenen Platten werden geschweißt (elektrisches Schweißen), Haare aus Draht?« (6. Oktober 1934).

    Wieder in Freiheit, fertigte Uhlmann dann tatsächlich mehrere aufwendig gestaltete Grafikmappen zu Drahtfiguren, aber auch Plastiken selber, die heute größtenteils zerstört sind und nur durch Fotos dokumentiert blieben. Nach Kriegsende konnte Hans Uhlmann diese Werke endlich wieder einer breiten Öffentlichkeit präsentieren und er erfuhr große Anerkennung. 1950 wurde er zum außerordentlichen Professor an die Westberliner Kunsthochschule berufen. In den Jahren 1955, 1959 und 1964 nahm er an der documenta teil und 1964 waren seine Werke auf der 32. Biennale in Venedig zu sehen. Heute prägen zahlreiche Großskulpturen des Künstlers den öffentlichen Raum. Prominente Beispiele in Berlin sind seine Werke vor der Deutschen Oper und auf dem Dach der Philharmonie.

    Die Ausstellungsarchitektur hat der in Berlin lebende Künstler Albert Weis entworfen. Grundlage ist seine Arbeit Changes (2018/2022), eine mehrteilige, architektonisch-räumliche Installation. Sie greift typische Elemente aus dem Grundriss der Berliner Philharmonie auf, deren First eine der bekanntesten Arbeiten von Hans Uhlmann trägt. Die spiegelnden Wände fragmentieren den Ausstellungsraum und öffnen ihn ins Unendliche. Die Winkel und Schrägen, die die realen Raumverhältnisse auflösen, konterkarieren Hans Uhlmanns (zeichnerisches) Experimentieren mit Faltungen und räumlichen Brechungen. Durch Spiegelungen wird der Außenraum in die Ausstellung integriert. Dies erinnert an die vielfachen Beschreibungen von Fensterausblicken oder den akustischen Eindrücken der Welt von Draußen, die Hans Uhlmann in seiner Haft beschreibt, ebenso wie er sich an das Leben jenseits der Gefängnismauern erinnert oder es imaginiert.

    Die Spiegel involvieren aber auch die Betrachter:innen, stellen durch die veränderte Raumwahrnehmung deren Standpunkt auf die Probe. Die Verunsicherung, die dadurch entsteht, entspricht damit auch der Wahrnehmung vollständig neuer und oft beängstigender Lebensbedingungen, der Uhlmann im Gefängnis ausgesetzt war.

    Im Dialog zur Ausstellung hat der in Berlin lebende Künstler Albert Weis die Ausstellungsarchitektur entworfen. Grundlage ist seine Arbeit Changes (2018/2022), eine mehrteilige, architektonisch-räumliche Installation. Ihre spiegelnden Wände fragmentieren den Ausstellungsraum und erweitern ihn ins Unendliche. Sie erinnern an Raummodelle der für Berlin und für Hans Uhlmann wichtigen Architekten Bruno Taut und Hans Scharoun.

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»Raumlineaturen – Grafik von Hans Uhlmann 1933–1960«, Ausstellungsansicht Kunsthaus Dahlem 2022. Foto: Gunter Lepkowski, (c) 2022 VG Bild-Kunst, Bonn (für Hans Uhlmann)