ÄSTHETIK ALS POLITISCHE STRATEGIE: Wand Texte
- Jugoslawien unter deutscher Besatzung
- Die Befreiung Jugoslawiens und die Etablierung der sozialistischen Republik
- Kultur und Gesellschaft unter Tito
- Die Pavillons der Weltausstellungen als internationale Kulturmission
- Kunstausstellungen als Medium der Moderne
Zu Ihrer besseren Übersicht haben wir die Texte der Ausstellung Ästhetik als politische Strategie – Werke aus dem Nationalmuseum für Moderne Kunst Zagreb 1945–1960, die im Kunsthaus Dahlem vom 20. März bis zum 21. Juni 2026 zu sehen ist, in digitaler Form zusammengestellt.
Die Texte geben einen knappen Überblick über den historischen und gesellschaftlichen Kontext Jugoslawiens nach dem Zweiten Weltkrieg sowie über die Rolle von Kunst und Kultur im sozialistischen Staat.
JUGOSLAWIEN UNTER DEUTSCHER BESATZUNG
Am Morgen des 6. April 1941 griff Hitler-Deutschland Jugoslawien an. Auslöser war ein Putsch serbischer Generäle, die aus Protest gegen den erzwungenen Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt die Regierung gestürzt hatten. Die jugoslawische Armee kapitulierte nach wenigen Tagen, König und Regierung flohen ins Exil, und das Land wurde in Besatzungszonen aufgeteilt.
Auf dem Gebiet Kroatiens sowie in Teilen Bosniens und Herzegowinas entstand der nur dem Namen nach »Unabhängige Staat Kroatien«. Adolf Hitler übergab die Regierung des von deutschen und italienischen Truppen besetzten Landes der faschistischen Ustascha-Bewegung. Diese errichtete einen Führer-Staat nach NS-Vorbild und ließ auf deutsches Geheiß Juden, Roma, Serben sowie politische Gegner – darunter auch kroatische Antifaschisten – verfolgen und ermorden. Die Wirtschaft wurde konsequent auf die deutschen Kriegsziele ausgerichtet, und Zehntausende wurden als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert.
Bereits im Sommer 1941 traten zwei rivalisierende Widerstandsgruppen auf den Plan: die kommunistischen Partisanen und die nationalserbischen Tschetniks. Zwar kämpften beide zunächst gemeinsam gegen die Besatzer, doch entwickelten sich bald bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen den ideologischen Gegnern. Die Tschetniks unter Oberst Dragoljub-Draža Mihailović setzten sich für ein monarchistisches und ethnisch homogenes Großserbien ein. Im Gegensatz dazu propagierte Josip Broz Tito mit seinen multinationalen Partisanen das Prinzip von »Brüderlichkeit und Einheit« und strebte den Aufbau eines sozialistischen Föderalstaates an. Wehrmacht und SS-Einsatzgruppen gingen erbarmungslos gegen beide Gruppen und die Zivilbevölkerung vor.
Nachdem der Tschetnik-Führer Mihailović seinen Widerstand aufgegeben und teilweise sogar mit den Besatzern kooperiert hatte, etablierte sich Marschall Tito als alleiniger politisch-militärischer Führer der oppositionellen Kräfte. Der kroatische Maschinenschlosser und Gewerkschafter hatte als Kommunist jahrelang in jugoslawischen Gefängnissen gesessen, als Funktionär der Kommunistischen Partei eine Schulung in der Sowjetunion durchlaufen und 1937 als Generalsekretär die Führung der KPJ übernommen. Mit seiner multinationalen »Volksbefreiungsarmee« gelang es ihm, nach und nach immer größere Gebiete zurückzuerobern.
DIE BEFREIUNG JUGOSLAWIENS UND DIE ETABLIERUNG DER SOZIALISTISCHEN REPUBLIK
Obwohl die Alliierten den Kommunisten Tito 1943 als Verbündeten anerkannten, leisteten Stalin und die Westmächte keine nennenswerte Militärhilfe. Die Partisanen, die bis Mai 1945 auf 800.000 Männer und Frauen aller Nationalitäten angewachsen waren, konnten jedoch Jugoslawien trotz hoher Verluste befreien. Tito betrachtete den »Volksbefreiungskampf« von Anfang an auch als Motor, um die sozialistische Revolution voranzutreiben. Im November 1943 fasste der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens – eine Art Partisanenparlament – den Beschluss, Jugoslawien nach Kriegsende als sozialistische Bundesrepublik gleichberechtigter Völker wieder aufzubauen. Um dies zu erreichen, gingen die Partisanen in den letzten Kriegsmonaten systematisch gegen die Truppen der Kollaborateure und antikommunistischen »Banden« vor.
Als im November 1945 die ersten Wahlen stattfanden, die kaum als frei und fair bezeichnet werden konnten, erhielt Titos »Volksfront« eine überwältigende Mehrheit. Am 29. November 1945 rief das Parlament die Republik aus. Jugoslawien wurde nun zu einer Föderation aus sechs Republiken und zwei autonomen Regionen (später Provinzen).
Tito war die Personifizierung des neuen Jugoslawien. Sein politisches Talent und seine charismatische Ausstrahlung, die auch viele ausländische Beobachter lobten, begründeten eine von breiten Teilen der Gesellschaft, der politischen Klasse und der internationalen Gemeinschaft anerkannte Legitimität. Er ließ sich nach allen Regeln des modernen Personenkults als mutiger, kluger, gerechter und unfehlbarer Staatsführer inszenieren und später auch als Staatspräsident auf Lebenszeit ausrufen.
Um das zerrissene Land zu befrieden, wurde der multinationale Partisanenkampf als Gründungsmythos eines neuen, geeinten Jugoslawien inszeniert. Innenpolitisch galt Titos Stellung auch deshalb als nahezu unangreifbar, weil er Jugoslawien dem sowjetisch dominierten Ostblock entzogen hatte. Stalin schloss 1948 das Land aus dem Kommunistischen Informationsbüro (Cominform) aus, und Anfang 1949 war Jugoslawien auch nicht an der Gründung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe beteiligt. Stalin, der seinen Einfluss in Südosteuropa gefährdet sah, brandmarkte die jugoslawischen Kommunisten als »Abweichler«. Tito reagierte seinerseits mit Säuberungen gegen moskautreue Kommunisten: Tausende angebliche Stalin-Anhänger wurden aus der Partei ausgeschlossen oder auf der berüchtigten Insel Goli otok zur Umerziehung interniert.
KULTUR UND GESELLSCHAFT UNTER TITO
Der Ausschluss aus dem Ostblock eröffnete dem jugoslawischen Regime neue Handlungsspielräume. Die USA boten militärische und wirtschaftliche Hilfen an, um Tito an der Macht zu halten. Dieser knüpfte neue Handelsbeziehungen nach Westen und vermochte es nach Stalins Tod 1953 auch, das Verhältnis zu Moskau zu normalisieren. Er wollte keinem der beiden antagonistischen Bündnissysteme beitreten. Mit seinen ägyptischen und indischen Amtskollegen Gamal Abdel Nasser und Jawaharlal Nehru verschrieb sich Tito in den 1950er-Jahren der »aktiven friedlichen Koexistenz«. 1961 wurde in Belgrad die Organisation der Blockfreien formal gegründet, die unter der Führung Jugoslawiens für Dekolonisierung, Abrüstung sowie eine gerechte Weltwirtschafts- und Weltkommunikationsordnung warb. Sie entwickelte sich zu einer tragenden Säule der Identität und Stabilität des Vielvölkerstaates.
Im Innern schufen die jugoslawischen Kommunisten nach 1948 mit der sozialistischen Arbeiterselbstverwaltung einen Sozialismus eigener Prägung. Nicht anonyme Staatsorgane wie im Ostblock, sondern demokratisch gewählte Arbeiterräte sollten Unternehmen und gesellschaftliche Organisationen lenken. Im Zuge zahlreicher Reformen wurden marktwirtschaftliche Elemente und Privatbetriebe zugelassen. Viele westliche Linke priesen den jugoslawischen Sozialismus »mit menschlichem Antlitz« als Vorbild.
Dank einer äußerst günstigen globalen Konjunktur erlebte Jugoslawien nach 1945 ein regelrechtes Wirtschaftswunder. Die Führung trieb die sozialistische Modernisierung voran, investierte massiv in Industrie, Tourismus und Bildung. Bis Mitte der 1960er-Jahre verwandelte sich das ehemalige Agrarland in einen Industriestaat: Immer mehr Menschen fanden Arbeit in Fabriken, im Dienstleistungsbereich und in städtischen Berufen, während die Landwirtschaft an Bedeutung verlor. Die Städte wuchsen, das Bildungsniveau und die Mobilität stiegen, und Frauen emanzipierten sich zunehmend aus patriarchalischen Geschlechterrollen.
Der zunehmende Wohlstand ermöglichte mehr Konsum und Freizeit, wodurch Lebensweisen und Werte tiefgreifend verändert wurden. Im Gegensatz zum Ostblock tolerierte das jugoslawische System einen gewissen Pluralismus in Literatur, Wissenschaft und Kunst. Zwar herrschte das Regime weiterhin mit Geheimpolizei, Pressezensur und Berufsverboten, doch ließ es in gewissen Nischen abweichende Meinungen zu, etwa an Universitäten, in Akademien und innerhalb von Religionsgemeinschaften.
DIE PAVILLONS DER WELTAUSSTELLUNGEN ALS INTERNATIONALE KULTURMISSION
Anders als in den übrigen Staaten des Ostblocks förderte die Regierung unter Tito eine modernistische Formensprache in Bildender Kunst und Architektur. Ikonisch waren die Pavillons auf den internationalen Handels- und Weltausstellungen, die mit innovativem Design und Modernität überzeugten. Diese Auftritte dienten nicht nur der Darstellung wirtschaftlicher Errungenschaften, sondern sollten auch die Unabhängigkeit von der Sowjetunion dokumentieren – nach 1948 wurden die Pavillons somit zum baulichen Ausdruck der politischen Positionierung zwischen Ost und West.
Als erstes Monument dieser Art gilt der Pavillon für die Welthandelsmesse in Triest 1947, gestaltet von Vjenceslav Richter in Kooperation mit Zvonimir Faist. Noch deutlicher trat die Entwicklung 1949/50 zutage, als die jugoslawische Handelskammer Richter, den Architekten Zvonimir Radić, sowie die Künstler und Designer Ivan Picelj und Aleksandar Srnec mit einer Reihe von Pavillons beauftragte – unter anderem 1949 für Stockholm und Wien, 1950 für Stockholm, Hannover und Paris.
Diese Kooperation brachte eine junge Künstlergeneration zusammen, für die Architektur, Kunst und Design untrennbar miteinander verbunden waren. Dieses Zusammenspiel der Kunstsparten sollte zugleich Ausdruck einer neuen Ästhetik fern der sozialistisch-realistischen Repräsentationsansprüche sein. Zentrales Anliegen war auch, der vermeintlichen »Rückständigkeit des Balkans« zu widersprechen und eine weltoffene Form des Sozialismus zu propagieren.
Die Bestrebungen der beteiligten Künstler, Architekten und Designer gipfelten schließlich im Pavillon der Weltausstellung in Brüssel 1958, der vom EXPO-Komitee mit einem Special Award ausgezeichnet wurde. Aus Glas und Stahl gebaut, sollte die Struktur offen und transparent erscheinen. Besonders viel Raum wurde zudem der zeitgenössischen, abstrakten Kunst gewidmet.
KUNSTAUSSTELLUNGEN ALS MEDIUM DER MODERNE
Die zunehmende öffentliche Anerkennung abstrakter Kunst zeigte sich bereits Anfang der 1950er-Jahre in Ausstellungen. 1951 gründete sich in Zagreb die Gruppe EXAT 51 – ein Zusammenschluss von Künstler:innen, Architekt:innen und Designer:innen. Der Name stand für Experimentelles Atelier und das Gründungsjahr. Im Februar 1953 zeigte die Gruppe in der Kroatischen Architektenkammer die erste Ausstellung abstrakter Kunst in den sozialistisch regierten Ländern des Ostblocks.
Im gleichen Jahr trug auch Edo Murtićs erfolgreiche Werkpräsentation unter dem Titel »Experience of America« zu einer stärkeren Hinwendung zur Abstraktion bei. 1954 eröffnete mit der Ausstellung Salon 54 in der Moderna Galerija in Rijeka erstmals ein Museum eine Ausstellung abstrakter Werke – ein wichtiger Schritt zur institutionellen Anerkennung und Legitimierung der Abstraktion.