04.07.2026 –
04.10.2026
JETZTZEIT – LAYERS OF THE PRESENT – Gulnur Mukazhanova
Gulnur Mukazhanova zeigt mit Jetztzeit – Layers of the Present ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Berlin – in der Stadt, in der sie seit zwanzig Jahren lebt und arbeitet. Für das Kunsthaus Dahlem entwickelte die Künstlerin eine ortsspezifische Installation, die der Frage nachgeht, wie Vergangenheit unsere Gegenwart und unser Denken prägt.
Gulnur Mukazhanovas Werk umfasst textile Arbeiten, Fotografien und installative Formate. Es entsteht aus der Spannung zwischen globalisierten Lebensrealitäten und tradierten Lebensformen und reflektiert persönliche Erfahrungen ebenso wie gesellschaftliche und politische Prozesse. Im Zentrum steht die Verbindung zentralasiatischer Traditionen mit Ansätzen der Konzeptkunst und Abstraktion. Fragen von Identität, Migration und kulturellem Wandel erscheinen dabei als wiederkehrende Motive in ihrem Werk.
Eröffnung: 4. Juli 2026
Einlass ab 11 Uhr, Begrüßung um 15 Uhr
Kuratorin: Petra Gördüren (Kunsthaus Dahlem)
Jetztzeit und Schichtung
Die Ausstellung versteht sich als zeitgenössische Intervention im historischen Raum des Kunsthaus Dahlem. Der Titel verweist auf Walter Benjamins Begriff der »Jetztzeit«, der einen Moment beschreibt, in dem die Vergangenheit nicht abgeschlossen erscheint, sondern in der Gegenwart fortwirkt. Geschichte wird dabei nicht als lineare Abfolge historischer Fakten verstanden, sondern als Verdichtung von Zeitschichten, die sich überlagern und neue Bedeutungs-räume eröffnen.
Das Prinzip der Schichtung prägt auch Mukazhanovas künstlerische Praxis – insbesondere in der Arbeit mit Filz, ihrem bevorzugten Material. Filz ist tief in den nomadischen Handwerkstraditionen Zentralasiens verwurzelt, doch löst die Künstlerin ihn aus seinem ursprünglichen kulturellen Kontext und versteht ihn stattdessen als Spur eines körperlichen, intuitiven Arbeitsprozesses. Schicht für Schicht legt sie feine Wollfasern übereinander, verdeckt und eröffnet Räume, verdichtet und schafft fließende Übergänge. Die daraus entstehenden haptischen Farbfelder bewegen sich zwischen Materialität und abstrakter Malerei.
Die Ausstellung im Kunsthaus Dahlem
Im Kunsthaus Dahlem trifft diese Methode der Schichtung auf einen Ort, der selbst unterschiedliche Zeitebenen in sich trägt. Mukazhanovas Installation reagiert darauf mit einer raumgreifenden, zugleich fragilen und potenziell veränderbaren Arbeit aus textilen Elementen, die sich über Boden und Wände ausbreiten. Die wiederkehrende Mandelform erinnert an Schlangenaugen oder Schuppen und verweist auf die Figur der Weißen Schlange, die in Kasachstan symbolisch für die Ahnen und das Fortwirken der Vergangenheit steht. Im Rückgriff auf mündlich überlieferte mythologische Erzählformen, die einem festgeschriebenen Geschichtsverständnis gegenüberstehen, entsteht ein Spannungsraum, in dem Gegenwart als Überlagerung von Erinnerung und kollektiver Erfahrung wahrnehmbar wird.
Mukazhanova erweitert dieses Feld mit ausgewählten früheren Arbeiten, die Einblick in ihre persönliche Geschichte und künstlerische Entwicklung geben. In Fotografien, vom Körper abgenommenen Masken und einer Videoarbeit wird auch die Auseinandersetzung mit Schichten und Transformationen der eigenen Persönlichkeit greifbar.
Künstlerin
Gulnur Mukazhanova wurde 1984 in Semipalatinsk geboren und zählt heute zu den bekanntesten Künstlerinnen Kasachstans. Sie studierte Textildesign an der Kunstakademie in Almaty sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seit ihrer Teilnahme am zentralasiatischen Pavillon der 52. Biennale von Venedig im Jahr 2007 ist sie mit zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen international präsent. Zuletzt waren ihre Arbeiten unter anderem im CHAT (Centre for Heritage, Arts and Textile) in Hongkong, am Tselinny Center of Contemporary Culture in Almaty sowie bei der letztjährigen Bukhara Biennial zu sehen. Zeitgleich zu ihrer Ausstellung im Kunsthaus Dahlem ist sie zudem bei der diesjährigen Kyiv Biennial in den KW Institute for Contemporary Art in Berlin vertreten.